VVPN – Verband der Vertragspsychotherapeuten Nordbaden

Mitglied im BVVP Baden-Württemberg und BVVP Bundesverband

Ausbildung / PiA

bvvp Mitgliederinformation: Juristische Initiative des bvvp zur Gleichstellung der KJP - „Inländerbenachteiligung durch fehlenden Anpassungslehrgang“

Lie­be Mit­glie­der,

es war ein Ge­burts­feh­ler des Psy­cho­the­ra­peu­ten­ge­set­zes, dass Kin­der- und Ju­gend­li­chen­psy­cho­the­ra­peu­ten als ein­zi­ge Be­rufs­grup­pe in der Heil­kun­de ei­ne ein­ge­schränk­te Ap­pro­ba­ti­on ha­ben, die sich auf den Al­ters­be­reich bis 21 Jah­re be­schränkt.

Die­ser Miss­stand soll­te - ne­ben an­de­ren be­kann­ten Pro­ble­men mit der Aus­bil­dungs­re­form - be­ho­ben wer­den, in­dem die Ap­pro­ba­ti­on und da­mit die Be­hand­lungs­er­laub­nis für al­le Al­ters­grup­pen be­reits nach dem Psy­cho­the­ra­pie­stu­di­um er­teilt wer­den soll­te. Dies ist ge­sche­hen und gut so, denn es ist wich­tig, dass Fach­psy­cho­the­ra­peu­tIn­nen für Kin­der und Ju­gend­li­che dort, wo not­wen­dig, auch über das Al­ter von 21 Jah­ren hin­aus be­han­deln kön­nen. Dies be­trifft – vor­erst – vor al­lem die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen in An­stel­lung, die auf so­ge­nann­ten Tran­si­ti­ons­sta­tio­nen für jun­ge Er­wach­se­ne oder in fo­ren­si­schen Kli­ni­ken für Ju­gend­li­che und jun­ge Er­wach­se­ne ar­bei­ten und wei­ter­ge­bil­det wer­den.

Wer da­bei auf der Stre­cke bleibt, sind die jet­zi­gen KJP und die­je­ni­gen, die bis zum Jahr 2032 nach „al­ten Recht“ die Ap­pro­ba­ti­on als KJP er­wer­ben wer­den, im­mer­hin über 1.000 neue Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen Jahr für Jahr. Denn für sie bleibt ge­nau die­ser Miss­stand er­hal­ten, denn der Vor­schlag, hier Nach­qua­li­fi­ka­ti­ons­lehr­gän­ge ein­zu­füh­ren, wur­de von po­li­ti­scher Sei­te vom Tisch ge­fegt. Die­ser Be­rufs­grup­pe droht nun in ih­rer Fort­bil­dungs­fä­hig­keit und be­züg­lich ih­rer At­trak­ti­vi­tät auf dem Ar­beits­markt ein mas­si­ver Nach­teil, weil sie eben, als Ein­zi­ge, nicht be­fugt sind, Pa­ti­en­tIn­nen al­ler Al­ters­grup­pen zu be­han­deln.

Da­bei ist kei­nes­falls ge­meint, dass KJP jetzt auch al­le Er­wach­se­nen be­han­deln wol­len und soll­ten. Es geht viel­mehr um die The­ra­pie je­ner jun­gen Er­wach­se­nen, die (noch) mit den Mit­teln der Kin­der- und Ju­gend­li­chen­psy­cho­the­ra­pie be­han­delt wer­den soll­ten. Aus der ak­tu­el­len For­schung wis­sen wir, dass das Er­wach­sen­wer­den sich in den letz­ten 20 Jah­ren mas­siv ver­än­dert hat und dass es zu­neh­mend jun­ge Er­wach­se­ne gibt, die für die Ent­wick­lungs­schrit­te hin zu ei­nem au­to­no­men Er­wach­se­nen­le­ben über den 21. Ge­burts­tag hin­aus Zeit be­nö­ti­gen. Da­zu kom­men vie­le jun­ge Er­wach­se­ne mit emo­tio­na­len, ver­ba­len oder geis­ti­gen Ein­schrän­kun­gen, die eben­falls von ei­ner Be­hand­lung durch Kin­der- und Ju­gend­li­chen­psy­cho­the­ra­peu­tIn­nen (KJP) pro­fi­tie­ren wür­den. Da wun­dert es nicht, dass es un­strit­tig ist, dass die For­de­run­gen der KJP nach der Mög­lich­keit zur Nach­qua­li­fi­ka­ti­on be­rech­tigt sind. Doch lei­der – trotz al­ler fach­li­chen Ar­gu­men­te – soll dar­aus nun nichts wer­den.

Als Bun­des­ver­band der Ver­trags­psy­cho­the­ra­peu­ten, bvvp, woll­ten wir es aber ge­nau wis­sen und ha­ben ju­ris­tisch über­prü­fen las­sen, ob es tat­säch­lich kei­ne Mög­lich­keit gibt, die­se Un­gleich­be­hand­lung im Rah­men ei­nes Kla­ge­ver­fah­rens zu be­en­den. Da­bei woll­ten wir uns auf das EU-Recht und den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz be­ru­fen. Zur Ver­deut­li­chung hier aus dem neu­en Psy­cho­the­ra­peu­ten­ge­setz, §12:

„An­er­ken­nung von Be­rufs­qua­li­fi­ka­tio­nen aus an­de­ren Mit­glied­staa­ten, an­de­ren Ver­trags­staa­ten oder gleich­ge­stell­ten Staa­ten

(1) Ei­ne in ei­nem Mit­glied­staat, ei­nem an­de­ren Ver­trags­staat oder ei­nem gleich­ge­stell­ten Staat er­wor­be­ne ab­ge­schlos­se­ne Be­rufs­qua­li­fi­ka­ti­on er­füllt die Vor­aus­set­zung des § 2 Ab­satz 1 Num­mer 1, wenn

1. die­se Be­rufs­qua­li­fi­ka­ti­on in dem Staat, in dem sie er­wor­ben wur­de, für den un­mit­tel­ba­ren Zu­gang zu ei­nem dem Be­ruf der Psy­cho­the­ra­peu­tin und des Psy­cho­the­ra­peu­ten ent­spre­chen­den Be­ruf er­for­der­lich ist und

2. die Gleich­wer­tig­keit der er­wor­be­nen Be­rufs­qua­li­fi­ka­ti­on mit der Be­rufs­qua­li­fi­ka­ti­on ei­ner Psy­cho­the­ra­peu­tin oder ei­nes Psy­cho­the­ra­peu­ten ge­ge­ben ist.“

In der Stel­lung­nah­me des von uns mit ei­ner Prü­fung des Sach­ver­halts be­auf­trag­ten Rechts­an­walts Dr. Chris­ti­an Witt­mann wird lei­der deut­lich, dass die Ver­gleich­bar­keit zwi­schen den Re­ge­lun­gen zur An­er­ken­nung der Be­rufs­ab­schlüs­se nicht­deut­scher Psy­cho­the­ra­peu­tIn­nen und der Ge­set­zes­la­ge für KJP, die ih­ren Ab­schluss „nach al­tem Recht“ er­wor­ben ha­ben, schwie­rig ist, weil ein Be­zug zum eu­ro­päi­schen Bin­nen­markt ge­ge­ben sein muss, da­mit man sich auf das Eu­ro­pa­recht be­zie­hen kann:

„So­bald es sich um in­ter­ne Sach­ver­hal­te han­delt, kön­nen die Be­trof­fe­nen ih­re et­wai­gen Nach­tei­le nicht gel­tend ma­chen, weil die­se eu­ro­pa­recht­lich nicht jus­ti­zia­bel sind.“

Beim Be­geh­ren der KJP, mit ei­ner zu­sätz­li­chen Qua­li­fi­ka­ti­on den zu­künf­ti­gen Ab­sol­ven­ten ei­nes Psy­cho­the­ra­pie­stu­di­ums gleich­ge­stellt zu wer­den, han­delt es sich je­doch um ei­ne Kon­stel­la­ti­on oh­ne EU-recht­li­chen Aus­lands­be­zug. Zi­tat:

„In solch ei­nem Fall be­steht kei­ne un­zu­läs­si­ge In­län­der­dis­kri­mi­nie­rung. Da­her kann sich ein deut­scher Kin­der- und Ju­gend­li­chen­psy­cho­the­ra­peut nicht auf die EU-Re­geln und mit­hin nicht auf ei­ne In­län­der­dis­kri­mi­nie­rung be­ru­fen. Es bleibt ihm nur die An­wen­dung der in­län­di­schen Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te, na­ment­lich Art. 3 Abs. 1 GG und Art. 12 Abs. 1 GG.“

Nur die Prü­fung der Ver­let­zung die­ser bei­den Grund­ge­setz­ar­ti­kel, näm­lich des Gleich­heits­ge­bots und der Be­rufs­frei­heit wä­re al­so noch mög­lich. Doch auch hier sieht er kei­ne Chan­ce auf einen Kla­ge­er­folg. Zur mög­li­chen ver­fas­sungs­wid­ri­gen Un­gleich­be­hand­lung führt er un­ter an­de­rem aus:

„Selbst, wenn auf­grund eu­ro­pa­recht­li­cher Vor­ga­ben das Qua­li­fi­ka­ti­ons­ni­veau für In­län­der hö­her wä­re als für Aus­län­der, al­so ei­ne völ­li­ge Gleich­wer­tig­keit nicht vor­lä­ge, wä­re die Be­nach­tei­li­gung von Ab­sol­ven­ten in­län­di­scher Stu­dien­gän­ge im Er­geb­nis al­len­falls ge­ring­fü­gig, so­dass sie ver­fas­sungs­recht­lich oh­ne Be­deu­tung wä­re.“

Und auch beim An­satz­punkt ei­ner mög­li­chen Ver­let­zung der Be­rufs­frei­heit kann er uns kei­ne Hoff­nung ma­chen:

„Nach der Recht­spre­chung ist auch ein Ver­stoß ge­gen Art. 12 Abs. 1 GG nicht ge­ge­ben.“

Sein Fa­zit: Die Kla­ge ei­nes Kin­der- und Ju­gend­li­chen­psy­cho­the­ra­peu­ten auf Er­tei­lung der Ap­pro­ba­ti­on ei­nes Psy­cho­the­ra­peu­ten hat kei­ne Aus­sicht auf Er­folg.

Als bvvp be­dau­ern wir das Er­geb­nis die­ser ju­ris­ti­schen Prü­fung sehr. Ger­ne hät­ten wir Mus­ter­kla­gen ge­führt, um An­glei­chungs­lehr­gän­ge ein­zu­kla­gen. Nach die­ser ju­ris­ti­schen Ein­schät­zung müs­sen wir uns al­ler­dings an­ge­sichts der – wenn auch fach­lich nicht nach­voll­zieh­ba­ren – recht­li­chen Vor­ga­ben ge­schla­gen ge­ben. Statt­des­sen wer­den und müs­sen wir uns nun da­für ein­set­zen, dass die Wei­ter­bil­dun­gen der zu­künf­ti­gen Fach­psy­cho­the­ra­peu­ten für Kin­der und Ju­gend­li­che at­trak­tiv ge­stal­tet wer­den – zum Er­halt der spe­zi­fi­schen Kom­pe­tenz in der Be­hand­lung von Kin­dern und Ju­gend­li­chen.

Im bvvp ha­ben wir, um die In­ter­es­sen und spe­zi­fi­schen Be­dürf­nis­se von KJP noch bes­ser ver­tre­ten zu kön­nen, einen Kom­pe­tenz­kreis ge­grün­det, der in­zwi­schen sei­ne Ar­beit auf­ge­nom­men hat und mit sei­ner Ex­per­ti­se den Vor­stand und die De­le­gier­ten­ver­samm­lung des bvvp tat­kräf­tig berät und un­ter­stützt.

Mit kol­le­gia­len Grü­ßen

Ul­ri­ke Bö­ker und Ari­ad­ne Sar­to­ri­us

Mit­glie­der des bvvp-Bun­des­vor­stan­des

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